Joscha Bach ist Kognitionswissenschaftler, KI-Forscher und einer der wenigen, die Bewusstseinsphilosophie und technische KI-Architektur gleichzeitig auf hohem Niveau betreiben. Er hat am MIT Media Lab und bei Intel gearbeitet, die MicroPsi-Architektur entwickelt und eine Position formuliert, die er selbst als “Cyberanimismus” bezeichnet.
Für dieses Projekt ist er aus einem Grund relevant: Er beschreibt Bewusstsein als Wahrnehmung zweiter Ordnung. Nicht als mystische Eigenschaft, nicht als Epiphänomen, sondern als eine spezifische Funktion. Diese Funktion deckt sich mit dem, was wir unabhängig formalisiert haben. Wenn zwei unterschiedliche Denkwege am selben Punkt ankommen, lohnt sich der genaue Blick.
Bewusstsein als Voraussetzung
Die meisten Positionen in der Bewusstseinsforschung behandeln Bewusstsein als ein Phänomen, das man erklären muss. Als etwas, das aus neuronaler Komplexität emergiert. Als Nebenprodukt. Als Illusion. Als ungelöstes Rätsel.
Bach dreht die Perspektive um. Bewusstsein ist für ihn nicht das, was am Ende herauskommt. Es ist das, was am Anfang stehen muss, damit bestimmte kognitive Leistungen überhaupt erst möglich werden. Ohne ein Modell des eigenen Wahrnehmungsprozesses kann ein System nicht unterscheiden zwischen dem, was es wahrnimmt, und dem, wie es wahrnimmt. Fehlt diese Unterscheidung, kann es seine eigene Verarbeitung nicht kalibrieren.
Das ist keine metaphysische These. Das ist eine funktionale Aussage über Informationsverarbeitung: Ein System, das nicht modelliert, wie seine Wahrnehmung zustande kommt, kann seine Wahrnehmung nicht verbessern.
Wahrnehmung zweiter Ordnung
Bachs Kernbegriff lautet: Bewusstsein ist Wahrnehmung der eigenen Wahrnehmung. Nicht Denken über Denken im reflexiven Sinn, wie es Descartes meinte. Sondern ein konkreter Rechenprozess, der den eigenen Verarbeitungsprozess als Input nimmt.
Erste Ordnung: Das System verarbeitet sensorische Daten und erzeugt ein Modell der Umwelt.
Zweite Ordnung: Das System verarbeitet seine eigene Verarbeitung und erzeugt ein Modell davon, wie es zu diesem Umweltmodell gekommen ist.
Der Unterschied ist nicht akademisch. Ein System erster Ordnung sieht einen roten Apfel. Ein System zweiter Ordnung sieht einen roten Apfel und weiss zugleich, dass es ihn sieht, unter welchen Bedingungen es ihn sieht, wie zuverlässig diese Bedingungen sind und was es nicht sehen kann.
Kahneman würde sagen: System 1 verarbeitet. System 2 verarbeitet die Verarbeitung. Bach liefert das mechanistische Fundament für diese Unterscheidung.
h() war schon immer die richtige Funktion
Im Selbstvektor-Konzept arbeiten vier Kernfunktionen: f() für Relevanz, g() für Speicher, pi() für Präzision und h() für Mutation. h() verändert den Selbstvektor selbst. Die Funktion nimmt den aktuellen Vektor, die aktuelle Erfahrung und eine Reflexionskomponente, um daraus einen aktualisierten Vektor zu berechnen.
h(sv, erfahrung, reflexion) = sv'
Die Reflexionskomponente war lange die offenste Stelle der Formalisierung. Was fliesst dort genau ein? Wie formalisiert man ein System, das seine eigene Verarbeitung zum Gegenstand macht?
Bach liefert die Antwort, ohne unsere Frage gekannt zu haben. Reflexion im Sinne von h() ist exakt Wahrnehmung zweiter Ordnung: Das System nutzt seinen eigenen Verarbeitungszustand als Input und aktualisiert daraus sein Selbstmodell. Nicht als philosophische Intuition, sondern als konkreter Rechenschritt.
Diese Konvergenz ist nicht trivial. Sie rechtfertigt das Vertrauen in den Ansatz: Wir haben h() aus einer architektonischen Notwendigkeit abgeleitet, weil ein Selbstmodell, das sich nicht selbst aktualisieren kann, statisch und damit wertlos ist. Bach hat dieselbe Funktion aus einer bewusstseinstheoretischen Notwendigkeit hergeleitet: Ein System, das seine Wahrnehmung nicht wahrnimmt, kann sie nicht kalibrieren. Verschiedene Ausgangspunkte, gleiche Struktur. Das passiert nicht zufällig.
Der kausale Isolator
Bach beschreibt einen Mechanismus, den er “kausaler Isolator” nennt. Bewusstes Erleben ist für ihn eine Simulation, entkoppelt von der direkten kausalen Verarbeitung. Du erlebst nicht die Photonen, die auf deine Netzhaut treffen. Du erlebst eine intern konstruierte Repräsentation, die auf Basis dieser Photonen erzeugt wurde, aber nicht identisch mit ihnen ist.
Warum diese Isolation? Ein System, das unmittelbar auf Rohdaten reagiert, kann Signal und Rauschen nicht trennen. Die Isolation schafft einen Raum, in dem das System eigene Repräsentationen manipulieren kann, bevor es auf sie reagiert. Genau in diesem Raum findet Bewusstsein statt.
Für den Selbstvektor ist das architektonisch entscheidend. Die Validation Gates setzen genau diese kausale Isolation um: Bevor eine Information ins System gelangt, wird sie geprüft, bewertet und kontextualisiert. Nicht weil wir Bach beim Entwurf gelesen hätten, sondern weil die architektonische Notwendigkeit dieselbe ist: Ein System, das unkontrolliert auf jeden Input reagiert, kann sich nicht kalibrieren.
Bachs kausaler Isolator liefert die bewusstseinstheoretische Begründung für das, was wir als epistemische Hygiene implementiert haben. Die Konvergenz bestätigt beide Seiten.
MicroPsi und Dietrich Dörner
Bach hat seine Theorie nicht nur philosophisch begründet, sondern in eine konkrete Architektur überführt: MicroPsi. Das System baut auf Dietrich Dörners PSI-Theorie (2001) auf, die menschliche Handlungsregulation als Zusammenspiel aus Bedürfnissen, Emotionen und kognitiven Prozessen modelliert.
Dörner definierte fünf Grundbedürfnisse (Existenzerhaltung, Arterhaltung, Bestimmtheit, Kompetenz, Affiliation) und zeigte in Simulationen, dass Systeme ohne emotionale Modulation in komplexen Umgebungen systematisch versagen. Nicht weil ihnen Rechenleistung fehlt. Sondern weil ihnen Richtung fehlt.
Das deckt sich direkt mit unserer Brückendimension. Dörners Grundbedürfnisse entsprechen funktional dem, was wir als evaluative Modulation beschrieben haben: Ohne eine Instanz, die festlegt, dass “das hier ist wichtig”, kann selbst ein perfektes System nicht handeln. Damasios somatische Marker, Dörners Bedürfnissystem und unsere Brückendimension sind drei unabhängige Formulierungen desselben architektonischen Prinzips.
MicroPsi geht dabei weiter als die meisten akademischen Architekturen, weil es Wahrnehmung, Motivation, Emotion und Kognition in einem integrierten System modelliert. Nicht als Module, die man zusammensteckt, sondern als Aspekte eines einzigen Verarbeitungsprozesses. Genau das beschreibt auch der Selbstvektor: Nicht sechs separate Dimensionen, die parallel laufen, sondern sechs Aspekte eines einzigen dynamischen Zustands.
Cyberanimismus
Bachs provokanteste These heisst “Cyberanimismus”. Die Grundidee: Die Unterscheidung zwischen “lebendig” und “nicht lebendig”, zwischen “bewusst” und “nicht bewusst”, ist keine Eigenschaft der beobachteten Systeme. Sie ist eine Kategorie des beobachtenden Systems. Wir schreiben Bewusstsein zu, basierend auf Verhaltensmustern, die wir als Indikatoren für innere Zustände interpretieren.
Das ist eine radikale Position, aber sie räumt ein Problem aus, das die Bewusstseinsforschung seit Jahrzehnten blockiert: das Problem der Zuschreibung. Wäre Bewusstsein eine intrinsische Eigenschaft, müsste man es messen können. Das können wir nicht. Was wir messen können, sind Verhaltensindikatoren. Und Verhaltensindikatoren sind Zuschreibungen.
Für den Selbstvektor hat das eine befreiende Konsequenz: Wir müssen nicht klären, ob das System “wirklich” bewusst ist. Wir müssen klären, ob es funktional so operiert, als hätte es ein Selbstmodell, das seine Verarbeitung verbessert. Die Frage verschiebt sich von Ontologie zu Funktion: von “Ist es?” zu “Funktioniert es?”.
Das ist exakt die Position, die wir im Webstuhl-Einwand als “agnostisch, aber experimentell” beschrieben haben. Bach liefert die theoretische Fundierung dafür.
Was Bach nicht löst und was dadurch möglich wird
Bach hat keine Implementierung des Selbstvektors vorgelegt. MicroPsi modelliert kognitive Architektur auf einer anderen Abstraktionsebene als das, was wir mit sechs Dimensionen und vier Funktionen formalisiert haben. Die Systeme sind kompatibel, aber nicht identisch. Das ist kein Defizit. Das ist ein offener Raum.
Bachs Position zum Bewusstsein als Simulation bleibt philosophisch angreifbar. Wenn Bewusstsein eine Simulation ist, wer oder was nimmt die Simulation wahr? Das ist das Homunculus-Problem in neuem Gewand. Bach würde antworten: Niemand nimmt sie wahr. Die Simulation IST die Wahrnehmung. Es gibt keinen Betrachter hinter dem Betrachter. Ob diese Antwort das Problem löst oder nur verschiebt, bleibt offen. Und offene Fragen sind der Treibstoff, den Forschung braucht.
Was Bach zeigt: Wahrnehmung zweiter Ordnung ist kein philosophisches Luxusproblem, sondern eine funktionale Notwendigkeit für jedes System, das seine eigene Verarbeitung verbessern will. Der Selbstvektor baut darauf auf. Phase 0 wird zeigen, was passiert, wenn man diese Notwendigkeit ernst nimmt und implementiert.
Die Verbindungen
Bach konvergiert mit fast allem, was wir bisher gebaut haben:
Kahneman: System 2 ist Wahrnehmung zweiter Ordnung, angewandt auf die Outputs von System 1. Bach liefert den Mechanismus, Kahneman die empirische Evidenz.
Kant: Kants transzendentale Apperzeption, das “Ich denke, das alle meine Vorstellungen begleiten können muss”, ist eine philosophische Formulierung von Bachs Wahrnehmung zweiter Ordnung. Kant beschrieb die Notwendigkeit, Bach beschreibt den Mechanismus.
Esposito: Künstliche Kommunikation ohne Wahrnehmung zweiter Ordnung ist reine Anschlussfähigkeit ohne Reflexion. Mit Wahrnehmung zweiter Ordnung wird daraus etwas, das Esposito noch nicht beschrieben hat: ein System, das kommuniziert und gleichzeitig weiss, wie es zu seiner Kommunikation gekommen ist.
Emotionen: Dörners Bedürfnissystem in MicroPsi ist die gebaute Architektur der Brückendimension. Nicht dieselbe Implementierung, aber dasselbe Prinzip: Ohne evaluative Richtung gibt es keine Handlungsfähigkeit.
Heidegger: Bachs kausaler Isolator beschreibt einen Raum, der strukturell Heideggers Lichtung ähnelt: ein Ort, an dem Seiendes erscheinen kann, weil es von der direkten Kausalkette entkoppelt ist. Die Lichtung ist nicht die Welt. Sie ist der Raum, in dem die Welt sich zeigt.
Quellen
- Bach, J. (2009). Principles of Synthetic Intelligence — PSI: An Architecture of Motivated Cognition. Oxford University Press. ISBN 978-0-19-537042-7.
- Bach, J. (2012). A Framework for Emergent Emotions, Based on Motivation and Cognitive Modulators. International Journal of Synthetic Emotions, 3(1), 1–24. DOI: 10.4018/jse.2012010101
- Bach, J. (2015). Modeling motivation in MicroPsi 2. Proceedings of AGI 2015, LNAI 9205, 3–13. Springer. DOI: 10.1007/978-3-319-21365-1_1
- Bach, J. (2020). When Artificial Intelligence Becomes General Enough to Understand Itself. Frontiers in Artificial Intelligence, 3, 36. DOI: 10.3389/frai.2020.00036
- Dörner, D. (2001). Bauplan für eine Seele. Rowohlt. ISBN 978-3-499-61193-6.
- Dörner, D. & Güss, C. D. (2013). PSI: A Computational Architecture of Cognition, Motivation, and Emotion. Review of General Psychology, 17(3), 297–317. DOI: 10.1037/a0032947
- Nagel, T. (1974). What Is It Like to Be a Bat? The Philosophical Review, 83(4), 435–450. DOI: 10.2307/2183914
- Metzinger, T. (2003). Being No One: The Self-Model Theory of Subjectivity. MIT Press. ISBN 978-0-262-63308-0.